Ein archäologisches Ernteexperiment in Großklein

In Großklein wurde im Zuge des EU-Projekts „PalaeoDiversiStyria“ mit Steinsicheln ein Testfeld geerntet.

 

Bereits letzten Herbst pflügten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Universalmuseums Joanneum und der Karl-Franzens-Universität Graz in Großklein einen kleinen Acker und bestellten ihn mit Emmer. Das Besondere war allerdings, dass hierbei die modernen Pflüge und Traktoren gegen jungsteinzeitliche Geräte, wie sie bereits vor 7.000 Jahren zu Beginn der Landwirtschaft bekannt waren, eingetauscht wurden. Damit die landwirtschaftliche Tätigkeit so authentisch wie möglich ist, bauten die Archäologinnen und Archäologen des Universalmuseums Joanneum im Herbst für dieses Experiment einen Holzpflug nach, wie er auch schon in der Jungsteinzeit zum Einsatz kam. Dieser sogenannte Ritzpflug wurde von ein bis zwei Personen gezogen und von einer weiteren Person gesteuert.

Zusätzlich wurde bei dem experimentalarchäologischen Versuch Emmer, eine bespelzte Weizenart, händisch ausgesät. Der Emmer zählt zusammen mit dem Einkorn zu den ältesten kultivierten Weizenarten. Die ältesten Nachweise fanden sich im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes im Nahen Osten bereits aus der Zeit um 8000 v. Chr. Trotz seiner früheren Beliebtheit, vor allem auch in der Römerzeit, verlor er jedoch in Europa relativ schnell an Bedeutung und wird heutzutage kaum mehr angebaut.

Beim Einbringen der Ernte im Juli bekam das Projektteam nun eine weitere Gelegenheit, neue Erkenntnisse über das Leben und die Landwirtschaft in der Jungsteinzeit zu gewinnen. Für das Ernteexperiment wurden mehrere Sicheln mit Klingen aus Hornstein und Feuerstein hergestellt, da in der Steinzeit die Verarbeitung von Metallen noch unbekannt war. Diese sehr scharfen Steinklingen wurden dabei mit Birkenpech an gerundeten Asthölzern oder Geweihsprossen befestigt und sind durch archäologische Funde in Europa belegt.

In der Julihitze setzte das Team mit tatkräftiger Unterstützung des Bürgermeisters der Marktgemeinde Großklein, Johann Hammer, und des Landwirts Christoph Zirngast die neuen „alten“ Werkzeuge bei der Ernte des Emmerweizens ein und schaffte in drei schweißtreibenden Stunden rund 150 m2.

Da mit der Ernte jedoch die Arbeit noch nicht beendet war, folgte bereits in den folgenden Tagen weitere Versuche. Für das Dreschen des Getreides bauten die Archäologen und Archäologinnen drei unterschiedliche Geräte aus unterschiedlichen Epochen nach: einen Dreschschlegel, wie er noch teilweise bis in das letzte Jahrhundert genutzt wurde, einen sog. Dreschsparren, wie ihn die Römer vermutlich einsetzten, und einen urgeschichtlichen Dreschstock. Hierbei bricht bei allen drei Geräten durch Schlagen des Weizens die Körner vom Stroh. Nach mehrmaligem Schlagen kann das Getreide gewendet und erneut gedroschen werden. Die größeren Strohhalme können daraufhin durch eine einfache Holzgabel entfernt werden, die feineren werden durch das sog. Worfeln von den Körnern getrennt. Bei dieser Methode wird das Getreide in einen flachen Korb gelegt und schwungvoll in die Höhe geworfen, wobei die leichten Halme durch die Bewegung und dem Wind aus dem Korb fliegen.

Der wohl aufwendigste Schritt, ohne maschinelle Hilfe, ist das Entspelzen, um an das reine Korn zu gelangen. Hierbei gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder wird der Weizen vorsichtig zwischen zwei Steinen gerieben, wodurch sich die Spelze löst, oder man setzt einen einfachen Holzmörser ein, um zum selben Ergebnis zu gelangen. Um wiederum die Körner von der abgelösten Spelze zu trennen, kann erneut geworfelt werden, oder man nutzt ein feines Sieb aus Leder oder einem anderen organischen Material.

Aus dem nun fertigen Getreide wird noch in diesem Sommer von der Brauerei Dietrich in Leutschach ein eisenzeitliches Keltenbier gebraut. Der Rest soll im Rahmen des Projektes PalaeoDiversiStyria für weitere archäologische Produkte verwendet werden. Das EU-Projekt, das sich mit Landwirtschaft und Ernährung bis zurück in die Jungsteinzeit beschäftigt, hat sich zum Ziel gesetzt, dieses alte Wissen wieder ins Bewusstsein zu rufen, um so auch das Verständnis für das reiche archäologische Erbe in der Region zu fördern. Konkret ist vorgesehen, dass den in Großklein lebenden Menschen, aber auch den Touristen, die in die Südsteiermark kommen, von den Betrieben aus der Region in Vergessenheit geratene Spezialitäten wieder schmackhaft gemacht werden.

 

 

Projektinformation:

Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) finanziert.

Besuchen Sie uns auf der Homepage des Universalmuseums Joanneum (https://www.museum-joanneum.at/archaeologiemuseum-schloss-eggenberg/projekte/palaeodiversistyria)

oder folgen Sie uns auf Facebook (https://www.facebook.com/PalaeoDiversiStyria/).

 

 

Abb. 1 Gruppenfoto des Projektteams (v. l. n. r. Johannes Rabensteiner, Sarah Kiszter, Johann Hammer, Marko Mele, Susanne Niebler, Christoph Zirngast). Foto: UMJ / D. Modl.

Abb.2 Eine nachgebaute jungsteinzeitliche Sichel mit Hornsteinklingen. Foto: UMJ / D. Modl.

Abb. 3 Drei Dreschgeräte aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen (Mittelalter und Neuzeit, Römerzeit, Jungsteinzeit) und eine einfache Holzgabel. Foto: UMJ / S. Kiszter.

 

 

Kontakt

Dr. Marko MELE

marko.mele@remove-this.museum-joanneum.at

Telefon: +43 664/8017 9576

Universalmuseum Joanneum

Archäologie & Münzkabinett

Schloss Eggenberg

Eggenberger Allee 90, 8020 Graz, Austria

www.archaeologiemuseum.at

 

Mag. Sarah KISZTER

Wissenschaftliche Mitarbeiterin „PalaeoDiversiStyria“

sarah.kiszter@remove-this.museum-joanneum.at

Telefon: +43-660/1810492

Aktuelles

Virtuelle Amtstafel

Nähere Informationen erhalten Sie auf unserer Amtstafel vor dem...

> weitere Informationen

Großklein Drittplatzierter bei Wettberwerb Zukunftsgemeinde

Das Steirische Volksbildungswerk hat einen Gemeindewettbewerb zum...

> weitere Informationen

Machen Sie mit beim Fotowettbewerb

Schnappschüsse aus der Gemeinde

> weitere Informationen

ÖBB Aktion Winter-Luftreinhalte-Bonus

bis Feb. 2019 jetzt jeden Freitag und von 10. - 24.12. jeden...

> weitere Informationen

"Komm zur Krippe" beim Kleissner Stall

ab 2.12.2018 jedes Adventwochenende Sa & So ab 14 Uhr

> weitere Informationen

ISTmobil Leibnitz und Deutschlandsberg werden mobil!

Ab 1. Juli 2018 startet das innovative Anrufsammeltaxi

> weitere Informationen
Koerbler